Un_Sichtbar werden?

Hier ist es in den letzten Monaten still geblieben, entgegen guter Vorsätze. Einer der Gründe ist schlicht und einfach, dass ich mein Passwort verloren hatte (und erst dank der Datensammelwut meines Browser und in mühseliger Kleinstarbeit meine Anmeldeadresse wiedergefunden habe). Ein anderer, dass ich in den letzten vier Monaten internetlos gewesen bin. Was aber viel wesentlicher – und auch für die mögliche Zukunft dieses Blogs prägender – gewesen ist, ist dass ich mich in dieser Zeit verändert habe. Innerlich und dadurch bedingt auch äußerlich. Und zwar mehr als in den gesamten zehn Jahren zuvor.

Möglicherweise liegt es daran, dass ich in einer ziemlich unkonventionellen Familie groß geworden bin, und „bunte“ Menschen dadurch zumindest gefühlt schon immer zu meinem Alltag gehört haben –  ich hatte auf jeden Fall schon sehr früh ein Faible für Bodymodifications wie gefärbte Haare, Piercings oder starkes Augenmakeup. Meine erstes eigenes Piercing bekam ich mit 12 Jahren (Lippenbändchen! Eins der frühen Highlights meiner Jugend), das nächste mit 14 (Bauchnabel), irgendwo dazwischen lag die erste Coloration (noch aus dem Drogeriemarkt, ich wechselte in diesen Jahren zwischen „Aubergine“ und diversen Rottönen).  Es folgten vier Ohrlöcher, die erste Blondierung, unzählige Neonhaarfarben (pink, blau, grün, rot, lila, schwarz und wieder pink), ein Labret (mittig), Augenbrauenpiercing (links) und zuletzt noch ein Madonna-Piercing. Dazu entwickelte ich eine Nagellacksucht, probierte diverse Frisuren durch (von Dreadlocks über Leomuster bis zum Sidecut) und bemühte mich, mehr oder weniger erfolgreich, die Schwärze meines Augenmakeups von Jahr zu Jahr zu steigern.

In all diesen Jahren habe ich keinen Tag erlebt, an dem ich mich auf der Straße bewegt habe, ohne angestarrt zu werden. Ich mochte das. Frei nach dem Raketenhund: „wir lieben unsere farben in eurer stadt/wär hier alles nicht so grau/ wir könnten nicht so leuchten/ und wir leuchten, leuchten, leuchten“. Auf der Straße war es ein Symbol der Abgrenzung, im AZ eines der Zugehörigkeit. Mein Aussehen: immer auch ein Stück weit meine Identität. Selbstgewählt. Zur Schau gestellt.

Eines der letzten Fotos vor der Ver_Wandlung.

Eines der letzten Fotos vor der Ver_wandlung.

Vor ein paar Jahren hat sich erstmalig Unwohlsein in mein Verhältnis zu meinem in dieser Form modifizierten Körper gemischt. Ich bin ein generell eher ängstlicher Mensch und hab auch seit Ewigkeiten Probleme mit dem Schlafen, jedenfalls hatte ich vor allem in den letzten Jahren wiederholt Naziverfolgungsträume, also Albträume, in denen ich von Nazis verfolgt worden bin. Das Gefühl eines sich zusammenziehenden Magens angesichts eines Nazis in der Straßenbahn, der mich hoffentlich nicht sieht/ (richtig) einordnet/ erkennt, ist mir noch weitaus länger bekannt. Viele Jahre bin ich gut damit klar gekommen, aber irgendwann hat sich meine Bewegungsradius dadurch eingeschränkt. So sind nach und nach erst die (eindeutigen) Aufnäher von meinen Klamotten verschwunden, irgendwann habe ich auch über ein Umfärben meiner Haare nachgedacht. Zwischendurch die Zweifel: Nazis verfolgen und verletzten Menschen auch aus anderen Gründen, und dass ich meine diesbezüglichen Marker selbstgewählt ablegen kann, ist ein verdammtes Privileg. Will/ darf/ kann ich davon einfach so Gebrauch machen? Gleichzeitig: Will/ darf/ kann ich Nazis so viel Macht über mich einräumen? Also habe ich mich dagegen entschieden.

In den letzten Jahren, quasi beim Älter- oder gar Erwachsenwerden (ich bin inzwischen immerhin schon 26!) , haben sich dann noch anderen Gedanke und auch Gefühle in diese Zweifel reingemischt. Allen voran die Frage, ob beziehungsweise was ich meinem Körper mit all dem antue. Juckende Blondierungen, zerstörte Haarstrukturen, Piercings, die den Zahnschmelz angreifen – Bodymodifications als Selfcare (im Sinne von: so mag ich mich, so fühle ich mich wohl) oder Selbstzerstörung? Darüber hinaus: (wie) will ich dass andere mich wahrnehmen? „Dich habe ich doch letztens beim Workshop XY/ in Kneipe Z gesehen“, „die mit den pinken Haaren“ als mein markantestes Erkennungsmerkmal? Keine Lust mehr auf Menschen/ Menschen, die mich nicht kennen/ Menschen, die sich eher an mein Aussehen erinnern als an das, was ich gesagt habe. Unsichtbar werden wollen beziehungsweise anders sichtbar. Gesehen werden wollen statt erkannt.

Der Moment, in dem es dann letztendlich beschlossene Sache gewesen ist, ist für mich bis heute nicht klar greifbar. Letztendlich war es vermutlich ein Impuls beziehungsweise mehrere Impulse nacheinander – jedenfalls ist das „Bunte“ vorerst von der Oberfläche meines Körpers verschwunden. Es glitzert (optisch) gerade auch nicht mehr sehr viel an mir. „vegan. glitzernd. bunt. gegen die graue gesamtscheiße.“ gilt aktuell (abgesehen von dem „vegan“) also nur noch im übertragenen Sinn. Ob, wie lange und warum das (nicht) so bleibt wird sich zeigen.

Körperpolitik_en, vegane Kosmetik und die experimentelle Auseinandersetzung mit meinem Körper bleiben mir jedoch weiterhin wichtig, deshalb wird es hier auch weiter gehen. Vielleicht mit ein bisschen weniger Glitzer, aber dafür einem umso lauteren Grrrl.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Nachgedacht

Eine Antwort zu “Un_Sichtbar werden?

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